Alfred Biolek, Die Rezepte meines Lebens

Tre Torri Verlag, Wiesbaden, 2018, 480 Seiten, 36.-- Euro
ISBN 978-3-96033-047-9
Vorgekostet

Heute reisen wir nach DEUTSCHLAND.

Wir besuchen einen Mann, der in Köln Fernsehgeschichte geschrieben hat mit Sendungen wie ‚Am laufenden Band’, ‚Bios Bahnhof’, ‚Mensch Meier’ oder ‚alfredissimo‘, eine der bekanntesten und beliebtesten Kochsendungen. Sie wissen, wen ich meine – Alfred Biolek. Nach dem Jusstudium hätte Biolek in die Fußstapfen des Vaters treten sollen und die Kanzlei übernehmen. Tat er nicht. Offensichtlich bot ihm der Verhandlungssaal weniger Bühne als das Fernsehen. Und inhaltlich verbindet den Juristen und den Hobbykoch ein Wort, das ihn erstaunt und für dessen Bedeutungszusammenhang er keine Erklärung hat: Gericht. Hier ein Deutungsversuch: Während der Koch die Zutaten anrichtet, richtet der Essende über das Gekochte.

Auch wenn Bio, wie er von Freunden genannt wird, nie kochen gelernt hat, so haben seine Kochbücher doch hohe Auflagen und einen gewissen Kultstatus erreicht. Das mag mehrere Gründe haben: Die Rezepte sind in der Regel nicht abgehoben, die Zutaten leicht erhältlich und

die Zubereitungszeit vielfach kurz. Letzteres hat auch mit seiner Kochshow zu tun, denn innerhalb einer halben Stunde sollte das Gericht medial wirksam präsentiert werden. Viele dieser für das Fernsehpublikum aufbereiteten kulinarischen Köstlichkeiten sind in Alfred Biolek, Die Rezepte meines Lebens zusammengetragen. Ein 480 Seiten starker Sammelband, der im Tre Torri Verlag als Deluxe-Edition neu aufgelegt wurde.

Der Autor selbst bezeichnet seinen fünf Zentimeter dicken Wälzer als Küchenkladde, also Schmierheft oder Notizbuch. Die Rezepte stammen zum Teil von der Mutter, wurden aus den Kochshows übernommen und haben sich aus zahlreichen Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen angesammelt. Hinter dem legendären Zitronen-Huhn vermute ich Marcella Hazan, die Gnocchi alla Franca steuerte die italienische Journalistin Magnani bei und die Rindssuppe nach Mama Biolek erklärt sich von selbst. Generell sind die Hinweise auf die Rezeptegeber äußerst spärlich. Wie auch tiefer gehende Informationen, die mitunter in den alfredissimo-Sendungen ausgesprochen wurden, in der Verschriftlichung fehlen. Bspw. erklärt Magnani in dieser Kochshow sehr schön und unkompliziert die Zubereitung dieser italienischen Knödel und darüber hinaus, fast nebenbei einige interessante Details, die im Buch nicht vorkommen. So darf man immer nur ein Ei verwenden, egal ob man 1 kg oder 3 kg Kartoffeln verarbeitet. Die Gnocchi nach Franca sind nicht nur schnell zubereitet, sie sind einfach wunderbar, zart schmelzend im Mund, egal ob mit Butter und Salbei oder mit Tomatensauce. Biolek war von den Gnocchi so begeistert, dass er die italienischen Nockerln siezte. Übrigens ist donnerstags in Rom immer Gnocchi-Tag, so wie bei uns Montag Knödel-Tag ist. Zumindest war das früher in den Landgasthäusern so.

In 15 Kapiteln nähert sich der Autor dem Essen als einem der schönsten Genüsse des Lebens, wie er es einmal bezeichnete.

Jedes Kapitel wird durch einen einseitigen Vorspann eingeleitet, dem ein Bilderblock folgt. Sechs bis acht ausgewählte Gerichte werden so bildhaft und mit einem entsprechenden Seiten-Verweis vorgestellt. Dann kommen die Rezepte – spartanisch zurückhaltend: Ein Titel, die aufgelisteten Zutaten und die Beschreibung der Zubereitung, die gelegentlich noch durch zwei Symbole wie auch mancherorts durch Tipps ergänzt werden. Alles klar und verständlich strukturiert. Schade finde ich, dass die Rezepte in den einzelnen Kapiteln nicht gleich alphabetisch geordnet wurden, denn das würde die Suche vereinfachen.

Es beginnt mit Saucen, Dips & Fonds. Dem folgen Salate, die wiederum von Appetizer & Vorspeisen abgelöst werden. Fast schon logisch, dass nun Suppen & Eintöpfe nachgeschoben werden, gefolgt von Kleinen Gerichten, wie die Lauchtorte, die für manche schon groß ist. Dem Gemüse, das in früheren Zeiten nur eine simple Ergänzung zu Fleisch und Fisch war, wird in diesem Abschnitt mehr Beachtung geschenkt. Bei dem Kapitel Aufläufe & Gratins denken wir gerne an Großmutters Eintöpfe zurück und vermuten Resteverwertung. Hier können Biolekfans ihrem Idol zumindest kulinarisch nahe kommen, wenn sie seinen Lieblingsauflauf nachbacken. Moussaka light verzichtet auf die Béchamelsaucen-Schichten wie auch auf öltriefende Auberginen-Scheiben und soll an schöne Griechenlandabende erinnern. Dass die abgebildete Moussaka light auf Seite 193 in kräftigem Rot strahlt, weil sie mit Tomatenscheiben abschließt, wurde offensichtlich im Rezept vergessen.

Zurück zu den Kapiteln. Der achte Abschnitt ist den Beilagen gewidmet. Hier spielen Kartoffeln in unzähligen Variationen eine wichtige Rolle. Aber auch die Konkurrenz, wie Semmel- oder andere Knödel. ebenso wie auch Nocken und Polenta kommt zu Wort und Bild. An den nächsten zwei Kapiteln, Pasta & Risotti wie auch Fisch & Meeresfrüchte scheint dem Autor viel gelegen zu sein. Einmal, weil sie beide mit 44 die höchste Seitenanzahl aufweisen, zum anderen weil sie mediterrane Genussfreude verkörpern. Biolek bekennt, dass eine Pasta mit Parmesan oben darauf, natürlich frisch gerieben, ein Gourmet-Essen ist.

Die nächsten vier Kapitel sind insofern interessant, weil sie in einem zusammengefasst werden könnten. Das Splitten in Geflügel, Fleisch, Lamm und Wild zeigt die Vorlieben des Autors und auch, dass seine Begeisterung für Rind- und Schweinefleisch eher mäßig ist. Das letzte Kapitel gehört den Desserts. Klassisch schließt sich hier der Kreis mit dem kleinen Hochgenuss am Schluss. Und Biolek öffnet einen Spaltbreit seinen Kühlschrank, sodass wir erkennen, dass Vanilleeis und tiefgefrorene Himbeeren immer im Hause sind. In drei Schritten lässt sich damit ein schnelles Dessert zubereiten: 1. Himbeeren auftauen und heiß werden lassen. 2. Eis in Dessertschalen portionieren. 3. mit heißen Himbeeren übergießen und sofort das Vanilleeis mit heißen Himbeeren servieren.

Wie schon angedeutet, sind Bioleks Lebensrezepte sehr stark vom italophilen Geist geprägt, was sich auch in den Rezept-Titeln manifestiert. Manchmal drängen sich zwischen die Ligurischen Crostini, dem Fischfilet alla puttanesca sowie unzähligen Spaghetti- und Risotti-Variationen Rezepte wie die Feine Blutwurst mit Bratkartoffeln, Großmutters Huhn, der Hirschbraten mit Rotkraut und diese lassen auch andere Küchentraditionen erkennen. Mit anderen Worten, wir haben hier ein gelungenes Haushalts-Kochbuch vorliegen, das für viele Geschmäcker etwas bereit hält. Jedoch, wer nach Marmeladen, Konfitüren oder Fruchtmus Ausschau hält, wird hier nicht fündig. Auch nicht im Register, das die Rezepte alphabetisch listet. Der einzige Wermutstropfen hier ist, dass das Inhaltsverzeichnis nicht ebenfalls nach Zutaten geordnet ist. So findet man ein Rezept mit Datteln nur unter Salat mit Datteln oder den Feldsalat mit Kürbis nur unter F, um zwei Beispiele zu nennen.

Sehr aufmunternd, nicht nur für mich war dann der Karottenkuchen. Von ihm war ich so begeistert, dass ich ihn gleich dreimal hintereinander buk. Ein Kuchen verschwand im Nu im Rachen meiner Chorfreunde kaum auf den Tisch gestellt, ein anderer in Nullkommanix von der Familie verputzt. Das Besondere an diesem Karottenkuchen ist nicht nur, dass er unglaublich gut schmeckt, sondern vor allem: Er enthält kein Mehl. Stattdessen ist der Anteil an gemahlenen Mandeln fast gleich hoch wie der der Karotten. Und der Karottenkuchen bleibt saftig bis zum letzten Stück. Das Rezept finden Sie in meiner Sammlung.

Mit Alfred Bioleks Die Rezepte meines Lebens hat der Tre Torri Verlag einen Klassiker wiederbelebt, der viel Gutes in sich vereint. Prachtvoll präsentiert sich diese Ausgabe via Buchschnitt in eleganter Kupferfarbe. Dies symbolisiert Qualität und Professionalität wie Kochen mit Kupfergeschirr. Rund 600 Rezepte laden Familie, Freunde, Bekannte und Sie und mich ein, sich lukullisch zu verwöhnen. Die Rezepte sind verständlich geschrieben, mit Zutaten nicht überladen, problemlos nachzukochen. Wenn auch Biolek Wert legt auf qualitativ hochwertige Produkte, d.h. regional und saisonal, so kommt er sich mit seinen Ansprüchen gelegentlich selbst in die Quere, indem er auf Dosenprodukte zurückgreift. Konsequent ist er bezüglich Zeitbudget. Ein ganz großes Plus ist die kurze Zubereitungszeit vieler Gerichte. Sollte etwas länger als 30 Minuten benötigen, dann ist das Rezept mit einem Muschelsymbol gekennzeichnet.

Biolek ist wichtig, dass die Rezepte umgesetzt werden. Bisher gab es meines Wissens noch keine Reklamation, vielleicht auch wegen der „Gelinggarantie“. Zudem sind die Rezepte veränderbar, sie sollen inspirieren … Also – wer hier nicht fündig wird, ist selber schuld.